Die kleinen Seilbahnen von Nidwalden: Mehr als eine Touristenattraktion

NIDWALDEN – Nidwaldens Kleinseilbahnen sind für Wanderer ein Erlebnis, für Bergbauernfamilien jedoch der tägliche Weg ins Tal und manchmal die wichtigste Verbindung zur Aussenwelt. Ein Blick auf das dichte Netz kleiner Bahnen abseits von Stanserhorn und Klewenalp.
Sie haben Namen wie Spies, Diegisbalm oder Bielen, manche fahren auf Abruf und bei einigen wird die Fahrt noch unkompliziert mit Bargeld bezahlt. Für Wanderer sind Nidwaldens Kleinseilbahnen ein Erlebnis. Für Bergbauernfamilien können sie jedoch etwas ganz anderes sein: der tägliche Weg ins Tal, der Transport von Material und Lebensmitteln – und im Winter manchmal die wichtigste Verbindung zur Aussenwelt.
Nidwalden bezeichnet sich gerne als Kanton der Bergbahnen. Tatsächlich spricht Nidwalden Tourismus vom weltweit dichtesten Netz von Bergbahnen rund um den Vierwaldstättersee. Besonders charakteristisch sind dabei nicht die grossen Anlagen auf Stanserhorn oder Klewenalp, sondern die kleinen Seilbahnen, die abgelegene Höfe, Alpen und Berggebiete erschliessen.
Wo eine kleine Gondel zum Lebensnerv wird
Wie wichtig eine solche Bahn sein kann, zeigt die Luftseilbahn Nechimatt–Diegisbalm bei Wolfenschiessen. Seit 1964 besteht an diesem Standort eine Seilbahn. Ihre Vorgängerin war sogar eine Wassergegengewichtsbahn mit offener Kabine.
Heute erschliesst die Bahn Landwirtschaftsbetriebe und Alpen. Nidwalden Tourismus beschreibt sie insbesondere im Winter für vier Landwirtschaftsbetriebe als «Lebensnerv ins Tal». Seit der vollständigen Erneuerung 2004 können die Bewohner selbstständig rund um die Uhr berg- und talwärts fahren.
Damit bekommt das Wort «Bergbahn» plötzlich eine andere Bedeutung. Hier geht es nicht in erster Linie um einen schönen Sonntagsausflug. Die Bahn ist Teil der Infrastruktur eines Lebens- und Arbeitsraums.
Lebensmittel, Material – und der tägliche Weg ins Tal
Ähnlich ist es bei der Spies-Bahn in Oberrickenbach. Sie dient heute auch als Zubringer zur Sinsgäu-Bahn und ist bei Wanderern beliebt. Nidwalden Tourismus weist aber ausdrücklich darauf hin, dass solche Bahnen auch im 21. Jahrhundert in erster Linie wichtige Transportmittel für Bauernfamilien sind, die ihren täglichen Bedarf damit erledigen.
Viele dieser Bahnen entstanden zu einer Zeit, als höher gelegene Höfe noch nicht durch Strassen erschlossen waren. Historisch wurden sie für Menschen, Waren und teilweise sogar Vieh genutzt. Bei der früheren Diegisbalm-Bahn war der Viehtransport ausdrücklich vorgesehen.
Mehr als 40 Bahnen gab es einst – heute sind es deutlich weniger
Gerade darin liegt aber auch die verletzliche Seite dieser Nidwaldner Besonderheit. Der Verein Freunde der Kleinseilbahnen schreibt, dass es früher im Kanton mehr als 40 Kleinseilbahnen gab. Heute seien noch 23 öffentlich nutzbar.
Als Herausforderungen nennt der Verein strengere Vorschriften, hohe Investitionen und einen erheblichen administrativen Aufwand. Für kleine Betreiber kann das zur Belastungsprobe werden. Der Verein versucht deshalb, Projekte der Bahnen zu unterstützen und Menschen dafür zu gewinnen, die Kleinseilbahnen bewusst zu nutzen.
Dass Unterhalt und Erneuerung nicht nur Privatsache sind, zeigt auch der Nidwaldner Rechenschaftsbericht 2025: Bei den kantonalen Strukturverbesserungen in der Landwirtschaft wurde unter anderem ein periodisches Wiederinstandstellungsprojekt für Kleinseilbahnen aufgeführt.
Hinter manchen Bahnen stehen Familien und viel persönlicher Einsatz
Das unterscheidet diese Anlagen von grossen touristischen Bergbahnen. Kleinseilbahnen sind häufig eng mit Landwirtschaftsbetrieben, Alpen oder lokalen Gemeinschaften verbunden. Schon 2017 berichtete die Luzerner Zeitung, dass viele von Älplern oder Alpkorporationen betrieben werden.
Auch als Fahrgast merkt man den Unterschied. Nidwalden Tourismus weist bei einer Wanderung durch das Engelbergertal darauf hin, dass Kleinseilbahnen teilweise auf Abruf fahren und vor Ort mit Kleingeld bezahlt werden.
Keine riesigen Terminals, keine langen Rolltreppen, kein anonymer Massenbetrieb. Manchmal wartet einfach ein kleines «Schiffli», das wenige Menschen auf einmal den Berg hinaufbringt.
Aus Arbeitsbahnen wurden kleine touristische Schätze
Genau diese Einfachheit macht die Bahnen inzwischen auch für den Tourismus interessant. Nidwalden vermarktet sie bewusst als Teil der regionalen Bergkultur. Wanderungen verbinden mehrere Bahnen miteinander, führen zu Alpen und Berggasthäusern oder erschliessen Gegenden abseits der grossen Besucherströme.
Damit entsteht eine interessante Wechselwirkung: Was ursprünglich vor allem für die Menschen am Berg gebaut wurde, zieht heute Wanderer und Ausflugsgäste an. Und diese zusätzlichen Fahrgäste können wiederum dazu beitragen, dass sich der Betrieb einer kleinen Bahn weiterhin lohnt.
Was würde verschwinden, wenn eine solche Bahn stillsteht?
Es wäre eben nicht nur eine Touristenattraktion weniger.
Für eine Bergbauernfamilie kann eine stillgelegte Bahn einen erheblich komplizierteren Alltag bedeuten. Eine Alp oder ein abgelegener Hof wird schwieriger erreichbar. Für Wanderer verschwinden besondere Routen. Und mit jeder aufgegebenen Anlage geht auch ein kleines Stück Nidwaldner Technik- und Alltagsgeschichte verloren.
Nicht jede alte Bahn lässt sich um jeden Preis erhalten. Sicherheitsanforderungen, Investitionen und Betriebskosten bleiben Realität. Doch die Entwicklung von einst mehr als 40 auf heute 23 öffentlich nutzbare Kleinseilbahnen zeigt, dass ihr Fortbestand keineswegs selbstverständlich ist.
Vielleicht ist gerade ihre Kleinheit ihre grösste Stärke
Die grossen Bergbahnen bringen Tausende Menschen komfortabel auf bekannte Ausflugsberge. Nidwaldens kleine Seilbahnen machen etwas anderes: Sie verbinden Tal und Berg dort, wo oft nur wenige Menschen wohnen und arbeiten.
Sie transportieren Wanderer – aber eben auch Menschen, die dort oben ihren Alltag haben. Sie führen zu schönen Aussichtspunkten – und gleichzeitig zu Landwirtschaftsbetrieben und Alpen.
Vielleicht sind die kleinen Gondeln deshalb eines der unscheinbarsten Stücke Infrastruktur Nidwaldens. Erst wenn eine davon nicht mehr fährt, merkt man, wie wichtig sie eigentlich war.




