Eiffelturm, Burj Khalifa – und jetzt Engelberg: Wie der TITLIS Tower in die Weltliga aufsteigt.

Ein ehemaliger Antennenturm auf über 3000 Metern wird plötzlich in einem Atemzug mit dem Eiffelturm, dem Empire State Building und dem Burj Khalifa genannt. Was zunächst etwas übertrieben klingt, ist seit wenigen Tagen Realität: Der neue TITLIS Tower in Engelberg wurde in die World Federation of Great Towers aufgenommen.
Für Engelberg ist das weit mehr als eine architektonische Auszeichnung – hinter dem spektakulären Bau steckt eine Investition in die touristische Zukunft der ganzen Region.
Engelberg bekommt plötzlich internationale Gesellschaft
Die Nachricht kam am 24. September 2026: An der Jahreskonferenz der World Federation of Great Towers in Kuala Lumpur wurde der TITLIS Tower als jüngstes Mitglied in die internationale Vereinigung aufgenommen.
Und die Liste der anderen Mitglieder liest sich eindrücklich: Eiffelturm in Paris, Empire State Building in New York, Burj Khalifa in Dubai, Petronas Twin Towers in Kuala Lumpur, Berliner Fernsehturm oder Tokyo Skytree.
Nun gehört auch ein Turm aus Obwalden dazu.
Die Vereinigung wurde 1989 gegründet und zählt heute mehr als 50 bekannte Türme auf vier Kontinenten. Zusammen verzeichnen ihre Mitglieder nach Angaben der Organisation jährlich fast 45 Millionen Besucher.
Der höchste ist er nicht – dafür liegt keiner höher
Mit den Dimensionen des Burj Khalifa kann Engelberg natürlich nicht mithalten.
Das muss der TITLIS Tower allerdings auch nicht.
Seine Besonderheit ist eine andere: Der Tower steht auf 3020 Metern über Meer und ist damit der höchstgelegene Turm innerhalb der World Federation of Great Towers.
Auf dem sogenannten Horizon Deck befindet sich die Aussichtsplattform rund 55 Meter über dem Gletscher. Von dort reicht der Blick bei entsprechenden Bedingungen über die Alpen und das Mittelland hinaus.
Dass sich dort heute Besucher bewegen, essen und die Aussicht geniessen können, wäre vor einigen Jahren noch schwer vorstellbar gewesen.
Denn eigentlich war dieser Turm für etwas ganz anderes gebaut worden.
Aus einem Antennenturm wird ein Wahrzeichen
Der ursprüngliche Antennenturm stammt aus den 1980er-Jahren und diente der Telekommunikation.
Statt die bestehende Konstruktion einfach abzureissen, machten die Titlis Bergbahnen gemeinsam mit dem weltbekannten Basler Architekturbüro Herzog & de Meuron etwas Ungewöhnliches daraus.
Die alte Stahlstruktur blieb erhalten und wurde weitergebaut. Zwei horizontale, verglaste Gebäudekörper wurden eingefügt, dazu kamen vier vertikale Erschliessungstürme.
Von oben betrachtet entsteht dadurch eine kreuzförmige Figur, die an ein Schweizerkreuz erinnert.
Ende Mai wurde der Tower offiziell eingeweiht, seit 5. Juni 2026 ist er für Gäste zugänglich.
Restaurant, Aussicht – und eine Rolex-Boutique auf 3000 Metern
Der Tower soll allerdings nicht einfach ein Aussichtsturm sein.
Im Gebäude befindet sich mit Joseph's ein Restaurant auf über 3000 Metern. Dazu kommen eine Lounge, Verkaufsflächen und das Horizon Deck mit seiner 360-Grad-Aussicht.
Für Aufmerksamkeit dürfte auch ein weiteres Angebot sorgen: Im TITLIS Tower befindet sich nach Angaben der Bergbahnen die höchstgelegene Rolex-Boutique der Welt.
Das zeigt, wohin die Reise gehen soll.
Der Titlis will nicht mehr nur Skigebiet oder klassischer Aussichtspunkt sein. Der Berg soll zu einem ganzjährigen internationalen Erlebnisziel werden.
150 Millionen Franken für die Zukunft des Titlis
Der Tower ist dabei nur der erste grosse sichtbare Teil eines wesentlich umfangreicheren Vorhabens.
Die Titlis Bergbahnen sprechen von einem Generationenprojekt. Rund 150 Millionen Franken sollen in den TITLIS Tower und die neue Bergstation investiert werden. Die Fertigstellung der neuen Peak Station ist für 2029 vorgesehen.
Das ist eine enorme Summe – und zeigt, wie stark das Unternehmen an die Zukunft des internationalen Bergtourismus glaubt.
Die neue Bergstation soll sich später wie ein flacher Kristall aus dem Fels schieben. Geplant sind unter anderem grosszügigere Besucherbereiche, Verkaufsflächen sowie Restaurants mit insgesamt rund 600 Sitzplätzen.
Tower und Bergstation werden über einen bestehenden unterirdischen Stollen miteinander verbunden.
Warum investiert Engelberg derart viel?
Ein Blick auf die Besucherzahlen liefert einen Teil der Antwort.
Nach Angaben von Herzog & de Meuron besuchen heute rund 1,1 Millionen Menschen pro Jahr den Titlis. Nur etwa ein Viertel davon sind klassische Wintersportgäste. Der wesentlich grössere Teil kommt als Ausflugs- und Ferienpublikum auf den Berg, darunter viele internationale Gäste.
Damit verändert sich auch das Geschäft einer Bergbahn.
Schnee und Skipisten allein reichen für eine internationale Destination längst nicht mehr. Gefragt sind Erlebnisse, die unabhängig von der Skisaison funktionieren – Aussicht, Architektur, Gastronomie und Attraktionen. Genau dafür steht der neue Tower.
Gebaut wird unter extremen Bedingungen
Was Besucher später kaum sehen, ist der Aufwand hinter dem Projekt.
Eine Grossbaustelle auf mehr als 3000 Metern lässt sich nicht mit einer Baustelle im Tal vergleichen. Schnee, Wind und rasche Wetterwechsel erschweren die Arbeiten. Gleichzeitig läuft der touristische Betrieb auf dem Titlis weiter.
Die Titlis Bergbahnen bezeichnen den Gipfel deshalb zeitweise sogar als eine der aussergewöhnlichsten Baustellen Europas. Trotz dieser Bedingungen erklärten sie bei der Eröffnung des Towers, sowohl beim Kostenrahmen als auch beim Zeitplan des Gesamtprojekts auf Kurs zu sein.
Bis 2029 wird auf dem Gipfel weitergebaut.
Aber was hat Engelberg davon?
Genau hier wird das Projekt für Obwalden besonders interessant.
Ein international bekanntes Wahrzeichen kann Gäste auf den Titlis bringen. Entscheidend für Engelberg wird jedoch sein, wie viel von dieser Aufmerksamkeit auch unten im Dorf und in der Region ankommt.
Übernachten die Gäste in Engelberg? Essen sie dort? Kaufen sie ein? Bleiben sie länger als einen Tag?
Die Aufnahme in die World Federation of Great Towers garantiert all das nicht. Sie verschafft dem Titlis aber internationale Aufmerksamkeit und eröffnet gemeinsame Marketingmöglichkeiten mit einigen der bekanntesten Aussichtsbauwerke der Welt. Die Federation selbst nennt globale Sichtbarkeit, gemeinsame Kampagnen und den Erfahrungsaustausch zwischen den Mitgliedern als zentrale Ziele.
Für eine Tourismusdestination wie Engelberg kann genau diese Reichweite wertvoll sein.
Ausgerechnet der alte Turm wird zum Symbol der Zukunft
Vielleicht ist das die spannendste Geschichte hinter dem TITLIS Tower.
Man hätte den alten Antennenturm aus den 1980er-Jahren als Relikt betrachten und ersetzen können. Stattdessen wurde seine bestehende Konstruktion zum Ausgangspunkt eines neuen Wahrzeichens.
Nun steht auf 3020 Metern ein Gebäude, das gleichzeitig alte Infrastruktur und moderne Architektur ist.
Und plötzlich befindet sich Engelberg in einer ziemlich illustren Runde.
Paris hat den Eiffelturm. New York das Empire State Building. Dubai den Burj Khalifa. Und Obwalden hat jetzt einen Tower, der zumindest offiziell zur gleichen internationalen Familie gehört.



