Die legendäre Schmiedgasse von Stans: Ein Stück Nidwalden lebt weiter

Wer heute durch die Schmiedgasse in Stans geht, sieht auf den ersten Blick eine alte, charmante Gasse mitten im Dorf. Doch hinter den Fassaden steckt erstaunlich viel Nidwaldner Geschichte: Handwerker, Dorfbrand, Fasnacht, politische Feiern, eine der ältesten Betonstrassen der Schweiz – und mittendrin die Melachere.
Die Schmiedgasse in Stans wirkt auf den ersten Blick wie eine charmante alte Dorfgasse – doch hinter den Fassaden steckt viel Nidwaldner Geschichte, von Handwerkern über den Dorfbrand bis zum Gasthaus «Drei Könige». Das traditionsreiche Gasthaus «Drei Könige» ist seit Generationen mehr als eine Beiz.
Es ist Stammtisch, Treffpunkt und ein Stück Stanser Identität.
Eine Gasse mit eigenem Charakter
Die Schmiedgasse gehört zu den ältesten Teilen von Stans. Historisch war sie eine wichtige Verbindung in Richtung Buochs und Engelberg und entwickelte sich als klassische Handwerkergasse mit Wohnhäusern und Werkstätten.
Beim verheerenden Dorfbrand von 1713 wurde ein grosser Teil des Quartiers zerstört.
Ein besonders bemerkenswertes Gebäude blieb jedoch erhalten: Das Haus an der Schmiedgasse 21 gilt laut Stanser Bauinventar als ältestes erhaltenes profanes Gebäude im Kerngebiet von Alt-Stans. Teile stammen aus dem 16. Jahrhundert.
Schon das zeigt: Diese Gasse ist nicht einfach Kulisse. Hier steckt mehrere Jahrhunderte Dorfgeschichte auf wenigen hundert Metern.
Und mittendrin: die Melachere
Offiziell heisst das Haus Gasthaus Drei Könige. In Stans spricht jedoch fast jeder einfach von der Melachere.
Die Geschichte des Hauses reicht weit zurück. Eine erste Eintragung im Grundbuch stammt aus dem Jahr 1648. Beim Dorfbrand von 1713 wurde auch die Melachere zerstört und später wieder aufgebaut. 1773 erscheint «Meister Anton Rengger» als Eigentümer.
1920 kam das Gasthaus in den Besitz der Familie Leuthold. Franz Leuthold kaufte die «Drei Könige», später führte unter anderem sein Sohn Bruno den Betrieb. Besonders prägend wurde Gritly Leuthold, die das Gasthaus während rund 35 Jahren führte und als «Goldene Meisterin der Schmiedgasse» bekannt wurde.
Der Stammtisch war dabei nie bloss ein Platz für ein Feierabendbier. Hier wurden Ideen diskutiert, Feste vorbereitet und wohl so manche Stanser Geschichte weitererzählt.
Woher kommt eigentlich der Name «Melachere»?
Ganz eindeutig ist das bis heute nicht.
Eine Erklärung führt den Namen auf das hebräische Wort für König zurück. Studenten des Kollegiums, die früher häufig in der Schmiedgasse unterwegs waren, sollen daraus «Melachere» gemacht haben. Eine andere volkstümliche Deutung lautet schlicht: «mehr lachen».
Sicher ist nur: Bereits 1901 taucht die Bezeichnung «Melachere» offiziell auf.
Und irgendwie passt «mehr lachen» ziemlich gut zu einer Dorfbeiz, die seit Generationen Treffpunkt ist.
1945 erklärte sich die Schmiedgasse beinahe zur eigenen Republik
Eine der wohl kuriosesten Geschichten spielt kurz nach dem Zweiten Weltkrieg.
Nach einem Streit im Dorf fühlten sich die Schmiedgässler ungerecht beschuldigt. Handwerker, Ladenbesitzer und Wirtsleute – darunter auch jene der Melachere – schlossen sich zusammen und bauten zwei grosse Tore, mit denen die Eingänge der Schmiedgasse abgeriegelt wurden.
Von da an wurde scherzhaft kontrolliert, wer hinein durfte.
Zehn Jahre später wurden die Tore wieder hervorgeholt und bildeten den Ausgangspunkt für die erste Schmiedgasschilbi.
Man muss die Geschichte nicht allzu ernst nehmen. Aber sie zeigt etwas, das sich durch viele Jahrzehnte zieht: Die Schmiedgässler hatten offenbar schon immer ein ziemlich ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl.
Sogar um einen einzigen Buchstaben wurde gekämpft
Wie ernst man die eigene Identität nimmt, zeigte sich 2006.
Im Zuge einer amtlichen Namensbereinigung sollte aus der «Schmiedgasse» plötzlich die «Schmidgasse» werden.
Das kam in der Gasse überhaupt nicht gut an.
Am Melachere-Stammtisch wurde diskutiert, eine Unterschriftensammlung gestartet – und innerhalb kurzer Zeit kamen über 100 Unterschriften zusammen. Die Schmiedgässler intervenierten bei Gemeinde und kantonaler Nomenklaturkommission.
Mit Erfolg.
Im November 2006 wurde entschieden, dass der traditionelle Name Schmiedgasse bleibt. Wenig später hing wieder eine entsprechende Strassentafel. Eine ganze Gasse kämpft um ein «e» – viel deutlicher lässt sich lokale Verbundenheit kaum zeigen.
Hier wurde auch Politik gefeiert
Auch politische Ereignisse fanden ihren Weg in die Schmiedgasse.
Als Bruno Leuthold 1970 zum Regierungsrat gewählt wurde, stellten ihm die Schmiedgässler bei der Melachere eine Tanne auf und feierten ein Schmiedgassfest.
Solche Geschichten zeigen, dass die Melachere über Jahrzehnte weit mehr war als ein Restaurant.
Sie war ein Ort, an dem sich Dorfleben, Politik, Fasnacht und Alltag vermischten.
Eine Strasse mit ungewöhnlichem Untergrund
Sogar der Asphalt – genauer gesagt der Beton – erzählt eine Geschichte.
Die Schmiedgasse erhielt 1933 eine armierte Betonstrasse. Sie gilt als eine der ältesten noch erhaltenen Betonstrassen der Schweiz. 2013 wurde das 80-jährige Bestehen dieser Strasse ausgerechnet vor der Melachere gefeiert – mit Harmoniemusik, Kaffee und Krapfen.
Das passt zur Gasse: Selbst der Strassenbelag bekommt hier irgendwann sein eigenes Fest.
Auch 2026 lebt die Melachere weiter
Die Geschichte endet nicht im Fotoalbum.
Seit 1. Mai 2026 führen Mark Schmied und Rahel Kaufmann die Melachere. Das Restaurant wurde wieder klar auf klassischen Beizenbetrieb ausgerichtet und ist heute rauchfrei. Das neue Konzept setzt auf regionale Produkte, kurze Wege, wenig Food Waste und «währschaftes Essen» beziehungsweise Hausmannskost, die modern interpretiert wird.
Das Entscheidende dabei: Das Urchige soll ausdrücklich bleiben.
Genau das dürfte für einen Ort wie die Melachere entscheidend sein. Zu viel Veränderung – und etwas von ihrem Charakter wäre verloren. Gar keine Veränderung – und vielleicht wäre irgendwann die Zukunft gefährdet.
Warum solche Orte wichtiger werden
Dorfbeizen verschwinden vielerorts. Stammtische werden seltener, Treffpunkte verlagern sich ins Internet und alte Quartierstrukturen verändern sich.
Gerade deshalb wirkt die Schmiedgasse heute fast wie ein Gegenmodell.
Hier existiert noch ein Ort, an dem Geschichte nicht nur auf einer Informationstafel steht. Menschen wohnen hier, feiern hier und treffen sich noch immer in derselben Beiz, in der schon Generationen vor ihnen diskutiert haben.
Die Melachere wurde einmal treffend als «Stanser Institution» beschrieben. Vielleicht ist genau das ihr Geheimnis.
Eine Gasse, die sich nicht glattbügeln lässt
Die Schmiedgasse war Handwerkergasse, Brandort, Verkehrsachse, Fasnachtsrevier und zeitweise beinahe eine kleine «Republik». Ihre Bewohner stritten sogar erfolgreich darum, wie ihre eigene Strasse geschrieben wird.
Und seit Jahrhunderten steht mittendrin eine Beiz, die eigentlich Drei Könige heisst – aber kaum jemand so nennt.
Vielleicht lebt ein Stück altes Nidwalden genau dort weiter, wo man es nicht künstlich konservieren muss: am Stammtisch, vor der Haustüre und mitten in einer Gasse, die ihren eigenen Kopf behalten hat.
Die Schmiedgasse und die Melachere sind deshalb nicht bloss «alt». Sie sind immer noch lebendig.



