unterwalden24Inserieren
StartKantonale News NWUnter Melchsee-Frutt liegt eine riesige verborgene Welt

Unter Melchsee-Frutt liegt eine riesige verborgene Welt

Wer auf der Melchsee-Frutt wandert, Ski fährt oder an einem Sommertag am Melchsee sitzt, sieht eine eindrucksvolle Berglandschaft. Was die wenigsten Besucher ahnen: Unter ihren Füssen beginnt eine zweite Landschaft – dunkel, verzweigt und kilometerlang.

Urs WederVon Urs Weder · 20. August 2026

Unter der Melchsee-Frutt verbirgt sich eines der bedeutendsten Karst- und Höhlengebiete der Schweiz. Über Jahrzehnte haben Forscher hier ein gewaltiges unterirdisches Labyrinth entdeckt und vermessen. Und bis heute ist nicht klar, wie gross diese Welt tatsächlich ist.

Das vielleicht Erstaunlichste daran: Noch immer werden neue Höhlen entdeckt.

Mehr als 64 Kilometer unter der Erde

Seit 1976 wird die Karst- und Höhlenwelt der Melchsee-Frutt systematisch erforscht. Was damals mit einigen neu entdeckten Höhleneingängen begann, entwickelte sich zu einem Forschungsprojekt von aussergewöhnlicher Dimension.

Nach aktuellen Angaben der Stiftung Naturerbe Karst und Höhlen Obwalden wurden allein auf der Melchsee-Frutt mittlerweile rund 200 Höhleneingänge inventarisiert und insgesamt mehr als 64 Kilometer Höhlengänge vermessen.

64 Kilometer.

Das entspricht ungefähr der Strassendistanz von Sarnen bis weit über Luzern hinaus – nur dass diese Strecke hier nicht über Strassen führt, sondern durch Fels, Schächte, enge Passagen, unterirdische Wasserläufe und riesige Hohlräume.

Und diese Zahl beschreibt lediglich das, was bereits entdeckt und vermessen wurde.

Eine einzige Höhle ist rund 30 Kilometer lang

Das Herzstück dieser Unterwelt ist die Bettenhöhle.

Ihr erforschtes Gangsystem erreicht rund 30 Kilometer Länge. Zwischen dem höchsten und dem tiefsten bekannten Punkt liegen gewaltige 804 Höhenmeter. In ihrem Inneren befinden sich grosse Hallen, Schächte, enge Passagen und ein permanent fliessender Höhlenbach.

Daneben existiert mit der Schrattenhöhle ein weiteres gigantisches System. Sie bringt es auf rund 19,7 Kilometer erforschte Länge und 573 Meter Höhendifferenz.

Allein diese beiden Höhlen ergeben zusammen fast 50 Kilometer unterirdische Gänge.

Doch sie sind nur ein Teil des Systems.

Alles begann mit vier Brüdern

Die Geschichte der Erforschung klingt beinahe wie der Anfang eines Abenteuerfilms.

1976 machten sich die vier Brüder Pankraz, Christoph, Clemens und Martin Trüssel daran, die Höhlenwelt der Melchsee-Frutt systematisch zu untersuchen.

Schon bei ihrer ersten Erkundung entdeckten sie mehrere bis dahin unbekannte Höhleneingänge.

Aus diesen Anfängen entwickelte sich eine jahrzehntelange Forschungsarbeit. Die Brüder gründeten die Höhlenforschenden Gebrüder Trüssel, aus deren Umfeld später die Höhlenforscher-Gemeinschaft Unterwalden hervorging.

Was sie und weitere Forscher über Jahrzehnte dokumentierten, veränderte das Bild des Berges grundlegend.

Denn die Melchsee-Frutt ist nicht einfach eine Landschaft auf dem Fels.

Sie besitzt eine zweite Landschaft im Fels.

Über 2000 Tierskelette entdeckt

Die Höhlen sind zudem eine Art natürliches Archiv.

Nach Angaben der NeKO-Stiftung wurden im Zuge der Forschungen mehr als 2000 Tierskelette von über 50 verschiedenen Tierarten geborgen.

In der Bettenhöhle stiessen Forscher ausserdem tief im System auf Vogelknochen und Holzstücke, die unter Geröll und Sand lagen. Solche Funde können Hinweise darauf geben, wann Wasser durch bestimmte Bereiche der Höhle floss und wie sich das System im Laufe der Zeit verändert hat.

Auch Tropfsteine und andere Ablagerungen sind für die Wissenschaft wertvoll. Sie können Informationen über frühere Umwelt- und Klimabedingungen konservieren.

Die Unterwelt der Melchsee-Frutt ist damit nicht nur spektakulär. Sie ist ein Archiv der Erdgeschichte.

Und dann passiert 2025 etwas Überraschendes

Man könnte meinen, nach fast 50 Jahren intensiver Forschung seien die grossen Überraschungen vorbei.

Doch am 6. August 2025 waren Martin Trüssel und Andreas Keiser auf dem Bonistock unterwegs. Eigentlich wollten sie andere Höhlenbereiche untersuchen.

Unterwegs fiel Trüssel eine kleine, unscheinbare Öffnung auf.

Ein Blick mit der Stirnlampe genügte.

Dahinter befand sich tatsächlich eine bis dahin unbekannte Höhle.

Der neu entdeckte Zugang erhielt die Bezeichnung M97. Die Forscher konnten zunächst rund 30 Meter weit vordringen. Dort erreichten sie ein ungefähr drei Meter grosses Tosbecken. Dahinter war bereits eine weitere Fortsetzung des Höhlenganges erkennbar.

Die Höhlenforscher beschrieben die Dimensionen als vielversprechend.

Fast ein halbes Jahrhundert nach Beginn der systematischen Erforschung genügte also eine kleine Öffnung im Fels – und plötzlich lag wieder ein Stück unbekannte Melchsee-Frutt vor ihnen.

Eine Welt ohne Tageslicht

Höhlenforschung in diesem Gebiet hat wenig mit einem gemütlichen Spaziergang durch eine touristisch erschlossene Schauhöhle zu tun.

Viele Höhlen der Melchsee-Frutt verlaufen vertikal. Es gibt Schächte, enge Mäander und Bereiche, die bei Schneeschmelze oder starken Niederschlägen durch Wasser gefährlich werden können. Im Winter können Eingänge vollständig zuschneien.

Wie aufwendig die Erforschung sein kann, zeigt die Bettenhöhle besonders eindrücklich.

Dort wurden für mehrtägige Expeditionen sogar unterirdische Biwaks eingerichtet. Eines davon wurde über viele Jahre als Ausgangspunkt für Forschungstouren tief im Höhlensystem genutzt.

Wer dort unterwegs ist, lässt die bekannte Welt weit hinter sich.

Kein Tageslicht. Kein Mobilfunk. Keine Bergbahn.

Nur Fels, Wasser, Dunkelheit – und der Lichtkegel der Stirnlampe.

Wie gross ist die Unterwelt wirklich?

Genau diese Frage macht die Melchsee-Frutt so faszinierend.

Mehr als 64 Kilometer Höhlengänge sind bereits vermessen. Rund 200 Eingänge wurden registriert. Jahrzehntelang wurde geforscht.

Und trotzdem taucht plötzlich wieder eine kleine Öffnung auf, hinter der sich eine bislang unbekannte Höhle verbirgt.

Niemand kann einfach von der Oberfläche aus sehen, wo sämtliche unterirdischen Verbindungen verlaufen oder welche bislang unbekannten Hohlräume noch im Berg verborgen sind.

Deshalb ist die Erforschung auch nach Jahrzehnten nicht abgeschlossen. Die NeKO-Stiftung spricht ausdrücklich davon, dass in der Höhlenwelt der Melchsee-Frutt weiterhin Forschungsarbeit bevorsteht.

Vielleicht liegt genau darin die grösste Faszination dieses Ortes.

Tausende Menschen besuchen jedes Jahr die Melchsee-Frutt. Sie wandern über Alpweiden, fahren über Skipisten und geniessen die Aussicht auf die Obwaldner Bergwelt.

Doch nur wenige Meter oder einige hundert Meter unter ihnen beginnt eine Landschaft, die die meisten von uns niemals zu Gesicht bekommen werden.

Eine Welt aus kilometerlangen Gängen, tiefen Schächten, unterirdischen Bächen und gewaltigen Hohlräumen.

Und irgendwo dort unten könnte noch heute ein Gang weiterführen, den noch kein Mensch betreten hat.

Urs Weder
Geschrieben von

Urs Weder

Mehr Beiträge von Urs Weder →