Wenn die Alpen leer werden: Alpabzüge und Älplerchilbis in Nidwalden

NIDWALDEN – Die Tage werden kürzer, morgens liegt wieder Nebel über den Wiesen und hoch über dem Tal geht ein weiterer Alpsommer seinem Ende entgegen. Nach Wochen auf den Alpen kehren Tiere und Älplerfamilien langsam ins Tal zurück. Glocken, geschmückte Tiere und traditionelle Umzüge gehören ebenso dazu wie die Älplerchilbis, die in den kommenden Wochen in mehreren Nidwaldner Gemeinden gefeiert werden. Doch hinter den schönen Bildern steckt weit mehr als Folklore.
Noch stehen viele Tiere auf den höher gelegenen Weiden. Doch die Nächte werden kälter, das Gras wächst langsamer und irgendwann kommt der Moment, an dem es heisst: zurück ins Tal. Für die Älplerfamilien endet damit eine intensive Zeit, für die Dörfer beginnt eine der traditionsreichsten Phasen des Nidwaldner Herbstes.
Wenn man die Herde hört, bevor man sie sieht
Ein Alpabzug kündigt sich oft schon von weitem an. Zuerst hört man das tiefe Läuten der grossen Glocken und Treicheln. Dann tauchen die ersten Tiere auf, gefolgt von der Herde und ihren Begleitern. Je nach Anlass werden die Tiere festlich geschmückt, während entlang der Strecke Zuschauer auf den besonderen Moment warten.
Was heute eindrückliche Bilder für Smartphones und soziale Medien liefert, hat einen ganz praktischen Ursprung. Der Alpabzug markiert das Ende der Sömmerung. Die Tiere verlassen die höher gelegenen Weiden und kehren zu den Landwirtschaftsbetrieben im Tal zurück. Für Bauern- und Älplerfamilien ist dieser Tag deshalb nicht einfach eine touristische Veranstaltung, sondern der Abschluss eines arbeitsreichen Alpsommers.
Am 19. September zieht der Alpabzug durch Emmetten
Einer der ersten grossen öffentlichen Termine in Nidwalden findet am Samstag, 19. September 2026, in Emmetten statt. Von 10 bis 17 Uhr wird dort der Dorfmärcht mit Alpabzug durchgeführt.
Wenn die Tiere durch das Dorf ziehen, treffen Landwirtschaft, Brauchtum und Dorfleben unmittelbar aufeinander. Genau das macht solche Anlässe besonders: Die Tradition wird nicht irgendwo für Besucher auf einer Bühne nachgestellt. Sie findet mitten im Dorf statt und ist bis heute Teil des bäuerlichen Jahreslaufs.
Ennetbürgen: Die Alpabfahrt wurde abgesagt
Eine wichtige Änderung gibt es in Ennetbürgen. Die für Samstag, 12. September 2026, angekündigte Alpabfahrt wurde abgesagt.
Ganz verzichten muss Ennetbürgen auf sein Herbstbrauchtum allerdings nicht. Am Sonntag, 4. Oktober 2026, findet dort die Älplerchilbi statt. Sie wird nur alle zwei Jahre durchgeführt und gehört deshalb in diesem Herbst zu den besonderen Terminen im Nidwaldner Veranstaltungskalender.
Eine Älplerchilbi ist keine gewöhnliche Chilbi
Wer beim Wort Chilbi nur an Karussells, Marktstände und Zuckerwatte denkt, liegt hier falsch. Die Älplerchilbi hat in Nidwalden eine viel tiefere Bedeutung. Viele dieser Feste werden von Gesellschaften getragen, deren Ursprünge teilweise auf jahrhundertealte Bruderschaften zurückgehen.
Eine besondere Rolle spielen die Älplersprüche. Dabei werden Ereignisse aus dem Dorfleben aufgegriffen und mit Humor kommentiert. Auch örtlich bekannte Persönlichkeiten können dabei aufs Korn genommen werden. Gerade dieser starke Lokalbezug unterscheidet die Älplerchilbi von einem gewöhnlichen Volksfest.
Es geht um Gemeinschaft, Tradition und Dankbarkeit für einen gelungenen Alpsommer – aber durchaus auch darum, gemeinsam über das vergangene Jahr zu lachen.
Wenn sich Stans zur Älplerchilbi trifft
Einer der grossen Höhepunkte folgt am Sonntag, 18. Oktober 2026, in Stans. Die Älperchilbi im Kantonshauptort ist ein grosses traditionelles Herbstfest, bei dem sich Älpler, Einheimische und Besucher begegnen.
Zum traditionellen Programm gehören Umzug, Älplersprüche, Musik und geselliges Beisammensein. Mitten in Stans entsteht dadurch für einen Tag eine besondere Mischung aus Dorfleben und altem Nidwaldner Brauchtum.
Wer Nidwalden vor allem als modernen Wirtschaftsstandort mit Pilatus, Pendlern, Autobahn und neuen Wohnquartieren kennt, erlebt an diesem Tag eine ganz andere Seite des Kantons.
Auch Hergiswil feiert am gleichen Wochenende
Fast gleichzeitig wird in Hergiswil gefeiert. Dort dauert die Älplerchilbi sogar zwei Tage: Sonntag und Montag, 18. und 19. Oktober 2026.
Das zeigt, wie stark diese Tradition trotz der kurzen Distanzen innerhalb Nidwaldens lokal geprägt ist. Jede Gemeinde besitzt ihre eigenen Abläufe und Geschichten. Gerade deshalb gibt es nicht die eine Nidwaldner Älplerchilbi, sondern verschiedene Feste mit gemeinsamen Wurzeln.
Ende Oktober sind Buochs und Wolfenschiessen an der Reihe
Am Sonntag, 25. Oktober 2026, folgt die Älplerchilbi in Buochs. Am gleichen Wochenende wird auch in Wolfenschiessen gefeiert. Dort dauert die Älplerchilbi vom Sonntag, 25. Oktober, bis Montag, 26. Oktober.
Ende Oktober ist der Alpsommer längst vorbei. Die Tiere stehen wieder im Tal und auf den Bergen können bereits die ersten winterlichen Tage auftreten. Umso mehr werden die Älplerchilbis zu einem gesellschaftlichen Abschluss der vergangenen Saison.
Menschen, die während des Sommers viel Zeit auf den Alpen verbracht haben, treffen Bekannte und Freunde. Das Dorf kommt zusammen und eine Tradition wird an die nächste Generation weitergegeben.
In Beckenried endet die Saison erst im November
Die letzte grosse Nidwaldner Älplerchilbi der diesjährigen Übersicht findet am Sonntag, 8. November 2026, in Beckenried statt. Damit reicht die Saison vom September bis weit in den November hinein.
Nicht jede Gemeinde feiert jedes Jahr. Die Älplerchilbi in Dallenwil findet beispielsweise nur alle zwei Jahre statt und wird 2027 wieder durchgeführt. Auch in Maria Rickenbach beziehungsweise Niederrickenbach ist die nächste Älplerchilbi erst für 2027 vorgesehen.
Hinter den schönen Bildern steckt harte Arbeit
Wenn geschmückte Tiere durchs Dorf ziehen und grosse Glocken durch die Strassen klingen, sieht alles friedlich und beinahe romantisch aus. Doch ein Alpsommer bedeutet vor allem Arbeit. Tiere müssen versorgt, Zäune kontrolliert und Weiden gepflegt werden. Das Wetter kann in den Bergen innerhalb kurzer Zeit umschlagen und die Arbeitstage sind lang.
Der Alpabzug ist deshalb auch ein Moment der Erleichterung. Menschen und Tiere sind wieder unten, ein weiterer Alpsommer ist geschafft. Vielleicht erklärt gerade das, weshalb anschliessend ausgiebig gefeiert wird.
Wenn plötzlich zwei Nidwalden sichtbar werden
Vielleicht liegt der besondere Reiz dieser Wochen darin, dass für einen Moment zwei Seiten des Kantons gleichzeitig sichtbar werden. Da ist das moderne Nidwalden mit Hightech, Flugzeugindustrie, Tourismus und neuen Wohnquartieren. Und da ist jenes Nidwalden, in dem Tiere noch immer den Sommer auf einer Alp verbringen und jahrhundertealte Bräuche selbstverständlich zum Jahreslauf gehören.
Für ältere Generationen sind Alpabzüge und Älplerchilbis vielleicht seit der Kindheit vertraut. Für Kinder, Neuzuzüger oder Gäste können sie dagegen eine Begegnung mit einer Welt sein, die im normalen Alltag kaum noch sichtbar ist.
Wenn in den kommenden Wochen das Läuten der Glocken näher kommt, Menschen am Strassenrand warten und eine Herde langsam Richtung Dorf zieht, braucht es keine Wetter-App, um zu wissen, welche Jahreszeit begonnen hat.
Der Alpsommer geht zu Ende. In Nidwalden beginnt der Herbst.



