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Wenn im Nidwaldner Wald der erste Schuss fällt

Es ist kurz nach sechs Uhr morgens. Über den Hängen liegt vielleicht noch Nebel, die Wanderwege sind weitgehend leer und im Wald beginnt sich das Wild zu bewegen. Dann fällt irgendwo ein Schuss. Für manche Wanderer ist das ungewohnt. Für die Nidwaldner Jägerschaft gehört es zu diesen Septemberwochen.

Urs WederVon Urs Weder · 3. September 2026

Doch was passiert während der Hochjagd eigentlich genau? Darf überall geschossen werden? Und müssen Wanderer oder Hundehalter jetzt besonders vorsichtig sein?

Bis zum 22. September läuft die Hochjagd

Die Regeln sind für 2026 genau festgelegt. Die Nidwaldner Hochjagd dauert vom 1. bis 22. September. In dieser Zeit dürfen Rothirsch, Gämse, Wildschwein, Murmeltier, Dachs und Fuchs unter den jeweils geltenden Bestimmungen bejagt werden. Auch die Schusszeiten sind geregelt. Vom 1. bis 20. September reichen sie von 6.00 bis 20.30 Uhr, an den beiden letzten Tagen vom 21. bis 22. September von 6.30 bis 20.00 Uhr. Das bedeutet: Gerade zu Zeiten, in denen Frühaufsteher oder abendliche Wanderer unterwegs sind, kann gleichzeitig Jagdbetrieb herrschen.

82 Rothirsche sind zum Abschuss freigegeben

Jagd bedeutet nicht, dass einfach geschossen werden darf, was vor die Büchse kommt. Beim Rothirsch gibt es für die Hoch-, Hege- und Regulationsjagd konkrete Vorgaben.

Für 2026 sind insgesamt 82 Rothirsche zum Abschuss freigegeben: 24 Stiere inklusive Spiesser sowie 58 Stück Kahlwild inklusive Kälber beider Geschlechter. In den ersten Tagen gelten zusätzliche Einschränkungen. Vom 1. bis 5. September ist beim Rothirsch nur Ansitzjagd vorgesehen; vom 7. bis 22. September sind Ansitz- und Drückjagd zulässig. Hinter diesen Zahlen steckt Wildtiermanagement. Die Jagd soll dazu beitragen, die Bestände und den vorhandenen Lebensraum in einem tragbaren Verhältnis zu halten.

Auch bei der Gämse gelten strenge Regeln

Besonders genau geregelt ist die Gämsjagd. Nicht jede jagdberechtigte Person darf beliebig viele Tiere erlegen. Für bestimmte Kategorien gelten Kontingente und Kontrollpflichten. Erlegtes Gämswild muss noch am selben Tag einer amtlichen Kontrollstelle vorgewiesen werden. Bei bestimmten Abschüssen müssen sich Jäger zudem vor Jagdbeginn informieren, ob das entsprechende Kontingent überhaupt noch offen ist. Das zeigt, wie weit die moderne Jagd von der Vorstellung entfernt ist, jemand ziehe einfach mit dem Gewehr durch den Wald und schiesse auf Wild.

Es gibt Gebiete, in denen die ordentliche Jagd verboten ist

Nicht überall in Nidwalden findet Hochjagd statt. Besonders wichtig sind die eidgenössischen Jagdbanngebiete Huetstock und Bannalp-Walenstöcke sowie das kantonale Wildasyl Schwalmis. In diesen Gebieten ist die ordentliche Jagd untersagt. Kritische Abgrenzungen werden im Gelände gelb markiert. Für einzelne notwendige Regulationsmassnahmen können besondere Bestimmungen gelten.

Wer also im September in den Nidwaldner Bergen unterwegs ist, befindet sich keineswegs automatisch mitten in einem Jagdgebiet.

Muss man als Wanderer jetzt Angst haben?

Nein. Die Berge und Wanderwege werden wegen der Hochjagd nicht grundsätzlich geschlossen. Trotzdem ist es sinnvoll zu wissen, dass Jagdbetrieb stattfindet. Besonders in den frühen Morgenstunden können Jäger bereits im Gelände sein. Wanderer sollten deshalb vorhandene Signalisationen respektieren und sich nicht unnötig abseits der üblichen Wege bewegen.

Ein Schuss im Wald kann erschrecken. Er bedeutet aber nicht automatisch, dass sich Wanderer in Gefahr befinden. Die Jagd unterliegt klaren gesetzlichen Regeln und die Verantwortung für eine sichere Schussabgabe liegt bei der jagenden Person.

Mit dem Hund durch den herbstlichen Wald

Besondere Aufmerksamkeit ist sinnvoll, wenn ein Hund mitkommt. Wildtiere können durch frei laufende Hunde aufgescheucht und verfolgt werden – unabhängig davon, ob gerade Jagdzeit ist. Während der Hochjagd treffen zudem mehrere Interessen auf engem Raum zusammen: Wildtiere suchen Ruhe, Jäger beobachten das Gelände und gleichzeitig sind Wanderer, Biker und Hundehalter unterwegs. Wer seinen Hund zuverlässig unter Kontrolle hält und örtliche Vorschriften beachtet, trägt dazu bei, unnötige Konflikte zu vermeiden.

Wenn Tradition auf Freizeitgesellschaft trifft

Die Hochjagd hat in einem Bergkanton wie Nidwalden eine lange Bedeutung. Gleichzeitig hat sich die Nutzung der Berge verändert. Wanderwege, Bike-Routen und Bergbahnen bringen heute viel mehr Menschen in Gebiete, die zugleich Lebensraum von Rothirsch, Gämse und anderen Wildtieren sind. Damit treffen im September unterschiedliche Welten aufeinander. Der Jäger wartet vielleicht seit Stunden auf einen bestimmten Hirsch. Wenige hundert Meter entfernt kommt eine Wandergruppe über den nächsten Weg. Und irgendwo dazwischen versucht das Wild, möglichst ungestört durch den Tag zu kommen. Genau deshalb ist gegenseitige Rücksicht wichtig.

Wenn morgens plötzlich ein Schuss durch das Tal hallt

Bis zum 22. September gehört die Hochjagd 2026 zum Nidwaldner Bergalltag. Danach ist das Jagdjahr allerdings längst nicht vorbei. Am 15. Oktober beginnt die Niederjagd, unter anderem auf Rehwild. Später folgt die Winterjagd; die Steinbockjagd besitzt wiederum eigene Jagdzeiten. Für die meisten Menschen wird davon wenig sichtbar sein. Sie gehen wandern, fahren mit der Bergbahn oder geniessen einen Herbsttag in den Bergen. Und dann hallt vielleicht irgendwo ein Schuss durch das Tal. Ein kurzer Moment, der daran erinnert, dass die Nidwaldner Berge nicht nur Freizeitgebiet sind. Sie sind Lebensraum, Arbeitsplatz – und während einiger Wochen im Jahr auch Jagdgebiet.