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6,5 Kilometer durch den Berg: Der Hochwasserentlastungsstollen im Sarneraatal

Bild: KI-generiert

Ein 6,55 Kilometer langer Tunnel führt durch den Berg – gebaut für den Moment, in dem der Sarnersee wieder bedrohlich ansteigt.

Urs WederVon Urs Weder · 21. August 2026
Wer heute von Sarnen Richtung Alpnach fährt, sieht Felder, Häuser, Strassen und die vertraute Landschaft des Sarneraatals. Doch unter dieser Landschaft befindet sich eines der grössten und spektakulärsten Bauwerke, die Obwalden je realisiert hat.

Bis zu 100'000 Liter Wasser pro Sekunde können durch ihn fliessen.

Sein Anfang liegt beim Sarnersee in Sachseln. Sein Ende befindet sich unterhalb des Wichelsees in Alpnach.

Der Hochwasserentlastungsstollen ist das Herzstück eines gewaltigen Schutzsystems. Und seine Geschichte beginnt mit einer Katastrophe, die viele Menschen in Obwalden bis heute nicht vergessen haben.

August 2005: Als das Wasser kam

Im August 2005 zeigte sich im Sarneraatal, welche Kraft Wasser entwickeln kann.

Nach aussergewöhnlich starken Niederschlägen stieg der Sarnersee immer weiter an. Sein Pegel erreichte schliesslich 472,42 Meter über Meer – den historisch höchsten gemessenen Stand.

Grosse Teile von Sarnen standen unter Wasser.

Strassen verschwanden. Keller und Gebäude wurden überflutet. Die Wassermassen richteten rund um den Sarnersee und entlang der Sarneraa enorme Schäden an.

Die Schadenssumme im Kanton Obwalden betrug mehr als 250 Millionen Franken.

Und 2005 war kein isoliertes Ereignis.

Zwischen 1999 und 2005 wurde Obwalden gleich von drei schweren Hochwasserkatastrophen getroffen.

Danach war klar: Für das Sarneraatal musste eine langfristige Lösung gefunden werden.

20 verschiedene Ideen wurden untersucht

Doch wie schützt man ein ganzes Tal vor einem See, der bei extremen Niederschlägen immer weiter steigt?

Nach der Katastrophe wurden zahlreiche Möglichkeiten untersucht.

Bereits 2006 lagen 20 verschiedene Hochwasserschutzvarianten auf dem Tisch.

Man diskutierte über eine Verbreiterung und Tieferlegung der Sarneraa, über verschiedene Stollenführungen und über Kombinationen unterschiedlicher Massnahmen.

Es folgten jahrelange Planungen, Variantenvergleiche und politische Diskussionen.

Schliesslich setzte sich eine spektakuläre Lösung durch:

Ein zusätzlicher unterirdischer Abfluss für den Sarnersee.

2014 stimmte die Obwaldner Bevölkerung darüber ab.

Das Resultat war deutlich: 82 Prozent sagten Ja.

Damit war der Weg frei für eines der grössten Infrastrukturprojekte in der Geschichte des Kantons.

Ein zweiter Abfluss für den Sarnersee

Die Idee dahinter ist eigentlich einfach.

Normalerweise verlässt das Wasser den Sarnersee über die Sarneraa.

Doch bei einem extremen Hochwasser kann genau dort ein Problem entstehen: Es fliesst mehr Wasser in den See, als gefahrlos abgeführt werden kann.

Der neue Stollen schafft deshalb gewissermassen einen zusätzlichen Abfluss durch den Berg.

Sein Einlauf befindet sich im Gebiet Seehof beziehungsweise «Zwetschgenmätteli» in Sachseln.

Von dort führt der Tunnel auf der rechten Seite des Sarneraatals unterirdisch Richtung Alpnach.

Erst 6,55 Kilometer später, unterhalb der Stauanlage Wichelsee, kommt das Wasser wieder zum Vorschein und wird in die Sarneraa geleitet.

Was oberirdisch viele Kilometer Landschaft sind, wird unterirdisch durch einen einzigen gewaltigen Wasserweg verbunden.

Fast sechs Meter Durchmesser

Erst die Dimensionen zeigen, was dort im Berg gebaut wurde.

Der Fliessquerschnitt des Stollens besitzt einen Durchmesser von 5,90 Metern.

Das ist ungefähr so hoch wie ein zweistöckiges Haus.

Durch diesen Querschnitt kann im Ernstfall eine enorme Wassermenge strömen:

bis zu 100 Kubikmeter pro Sekunde.

Das sind 100'000 Liter – jede einzelne Sekunde.

Nach einer Minute wären es sechs Millionen Liter.

Nach einer Stunde 360 Millionen Liter – vorausgesetzt, der Stollen würde während dieser Zeit mit voller Kapazität betrieben.

Eine Wassermenge, die man sich kaum vorstellen kann.

Der Eingang liegt elf Meter unter Wasser

Auch das Einlaufbauwerk am Sarnersee ist aussergewöhnlich.

Die Sohle des Einlauftrichters befindet sich rund elf Meter unter dem Wasserspiegel.

Ein grosser Teil der Anlage bleibt deshalb für Spaziergänger am See praktisch unsichtbar.

Damit Äste, Baumstämme und anderes Schwemmholz bei einem Hochwasser nicht in den Stollen gelangen und ihn blockieren können, wurde vor dem Einlauf ein spezielles Rückhaltesystem eingebaut.

Danach verschwindet das Wasser im Berg.

Und beginnt seine mehr als sechs Kilometer lange unterirdische Reise Richtung Alpnach.

Eine gigantische Maschine frisst sich durch den Berg

Für den Bau wurde eine Tunnelbohrmaschine eingesetzt.

Meter um Meter arbeitete sie sich durch Kalk, Mergel und Schiefer.

Doch der Berg machte es den Ingenieuren nicht einfach.

Während des Vortriebs traf man unter anderem auf deutlich mehr Bergwasser als erwartet, auf Gestein mit wesentlich höherer Druckfestigkeit und auf zahlreiche geologische Störzonen.

Die Arbeiten wurden dadurch schwieriger und teurer.

Im März 2023 kam schliesslich der entscheidende Moment:

Durchschlag.

Nach Kilometern im Berg erreichte die Tunnelbohrmaschine die Zielröhre beim Einlaufbauwerk.

Sachseln und Alpnach waren nun tief im Berg durch einen durchgehenden Tunnel miteinander verbunden.

Der Tunnel ist ständig voller Wasser

Eine Besonderheit dürfte viele überraschen.

Der Hochwasserentlastungsstollen ist als Druckstollen konzipiert.

Das bedeutet: Im späteren Betrieb wartet dort nicht einfach ein leerer Tunnel auf die nächste Katastrophe.

Der Stollen ist ständig mit Wasser gefüllt.

Die Schützen beim Einlaufbauwerk bleiben offen. Entscheidend sind die Regulierorgane am Auslauf.

Droht ein Hochwasser, können diese geöffnet werden. Je weiter sie geöffnet werden, desto mehr Wasser fliesst zusätzlich aus dem Sarnersee durch den Berg Richtung Alpnach.

Bei vollständiger Öffnung sind maximal rund 100 Kubikmeter pro Sekunde möglich.

Was wäre bei einem Hochwasser wie 2005?

Genau dafür wurde das System gebaut.

2005 erreichte der Sarnersee den Rekordpegel von 472,42 Metern über Meer.

Nach den Berechnungen des Kantons würde der See bei einem vergleichbaren Extremhochwasser mit dem neuen System nur noch auf maximal etwa 471,40 Meter über Meer steigen.

Das wäre rund ein Meter weniger als 2005.

Ein Meter klingt zunächst nicht spektakulär.

Bei einem ganzen See ist dieser Unterschied jedoch gewaltig.

Denn wenige Zentimeter können darüber entscheiden, ob Wasser innerhalb des vorgesehenen Bereichs bleibt oder über Ufer, Strassen und Grundstücke fliesst.

Ein Projekt für 179 Millionen Franken

Ein Bauwerk dieser Dimension hat seinen Preis.

Der aktuell ausgewiesene Gesamtkredit für das Projekt «Sarneraa mit Hochwasserentlastungsstollen Ost» inklusive Regulierung des Sarnersees beträgt 179,1 Millionen Franken.

Allein für den Hochwasserentlastungsstollen sind in der Kostenaufstellung des Kantons mehr als 102 Millionen Franken vorgesehen.

Dazu kommen Ein- und Auslaufbauwerke, Arbeiten an der Sarneraa, die Regulierung des Sarnersees und weitere Bestandteile des Gesamtprojekts.

Es ist eine enorme Investition für einen kleinen Kanton.

Doch ihr steht eine Zahl gegenüber, die erklärt, weshalb Obwalden diesen Aufwand betreibt:

mehr als 250 Millionen Franken Schäden allein beim Hochwasser von 2005.

2026 beginnt ein neues Kapitel

Denn der Stollen ist nicht irgendein Zukunftsprojekt, das erst in vielen Jahren Realität werden soll.

Nach dem aktuellen Zeitplan des Kantons ist im Verlauf des Jahres 2026 ein provisorischer Betrieb vorgesehen.

Ab der Sommersaison 2027 sollen der Stollen und das Hilfswehr einsatzbereit sein und die vollständige Seeregulierung ermöglichen.

Damit nähert sich ein Projekt seinem entscheidenden Punkt, dessen Vorgeschichte mehr als zwei Jahrzehnte zurückreicht.

Das vielleicht grösste Bauwerk Obwaldens, das kaum jemand sehen wird

Vielleicht ist das Faszinierendste an diesem Projekt seine Unsichtbarkeit.

Eine neue Autobahn sieht jeder.

Eine grosse Brücke prägt eine Landschaft.

Ein Hochhaus verändert eine Silhouette.

Doch dieses Bauwerk verschwindet grösstenteils im Berg.

6,55 Kilometer Tunnel.

Fast sechs Meter Durchmesser.

Ein Einlauf elf Meter unter dem Wasserspiegel.

Bis zu 100'000 Liter Wasser pro Sekunde.

Und das alles wurde im Wesentlichen für jene wenigen Stunden oder Tage gebaut, in denen Obwalden es wirklich brauchen könnte.

Wer künftig am Sarnersee steht, wird davon kaum etwas bemerken.

Doch wenn sich irgendwann wieder tagelang dunkle Regenwolken über Obwalden festsetzen, die Bäche anschwellen und der Pegel des Sarnersees bedrohlich steigt, könnte tief unter der Landschaft ein gewaltiger Wasserstrom einsetzen.

Dann würde sich zeigen, wofür Obwalden über Jahre geplant, gebohrt und Millionen investiert hat.

Damit sich das Hochwasser von 2005 im Sarneraatal möglichst nie mehr in dieser Form wiederholt.

Urs Weder
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Urs Weder

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