Hochjagd in Obwalden 2026: Wenn Jäger und Wanderer aufeinandertreffen

OBWALDEN – Ein Schuss durchbricht die morgendliche Stille. Wenige hundert Meter weiter schnürt eine Wandergruppe ihre Bergschuhe, ein Hund läuft über den Weg und irgendwo am Waldrand steht ein Rothirsch. Im September treffen in den Obwaldner Bergen Welten aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Seit dem 1. September läuft die Hochjagd – und sie dauert dieses Jahr bis zum 24. September.
Es ist eine besondere Zeit in den Bergen. Die Nächte werden kühler, morgens hängen Nebelfetzen über den Wäldern und langsam kündigen sich die ersten Herbstfarben an. Gleichzeitig beginnt für viele Obwaldner Jägerinnen und Jäger eine der wichtigsten Phasen des Jahres. Für Wanderer und andere Erholungssuchende stellt sich deshalb eine naheliegende Frage: Was bedeutet die Hochjagd eigentlich für einen Ausflug in die Obwaldner Berge?
24 Tage Hochjagd in Obwalden
Die Termine sind klar festgelegt: Die Hochjagd 2026 dauert vom Dienstag, 1. September, bis Donnerstag, 24. September. Danach folgen weitere Jagdperioden. Die Rehjagd beginnt am 5. Oktober und dauert bis 24. Oktober, die Niederjagd vom 5. Oktober bis 30. November. Im Dezember startet schliesslich die Winterjagd. Damit ist der September der Monat, in dem die Hochjagd das Geschehen in Teilen der Obwaldner Bergwelt besonders prägt.
Dass diese Wochen eine zentrale Bedeutung haben, zeigt sich sogar bei der Ausbildung neuer Jägerinnen und Jäger: Im offiziellen Jagdlehrgang 2026/27 gehört eine Begleitung von Jägerinnen und Jägern während der Hochjagd vom 1. bis 24. September zu den Pflichtleistungen. Zuvor stehen unter anderem Wildtierökologie, Lebensräume, Wildtiermanagement, Altersbestimmung beim Schalenwild und Wildbrethygiene auf dem Ausbildungsprogramm.
Wer jagen will, muss zuerst einiges lernen
Das Bild vom Jäger, der einfach mit einem Gewehr in den Wald zieht, hat mit der heutigen Jagd wenig zu tun. Wer in Obwalden die Jagd ausüben will, muss sich mit Wildtierbiologie, Lebensräumen und gesetzlichen Vorschriften beschäftigen. Auch praktische Fähigkeiten gehören dazu. Der aktuelle Lehrgang zeigt beispielsweise, dass angehende Jäger Exkursionen zur Wildtierökologie absolvieren und sich mit dem Zusammenspiel von Wildtieren, Lebensraum und Freizeitaktivitäten auseinandersetzen.
Gerade dieser letzte Punkt wird immer wichtiger. Denn die Berge gehören längst nicht mehr nur Landwirtschaft, Forst und Jagd. Sie sind gleichzeitig Freizeitgebiet.
Früh am Morgen gehören die Berge nicht nur den Wanderern
An einem schönen Septembertag kann auf beliebten Wegen bereits früh viel Betrieb herrschen. Wanderer steigen Richtung Melchsee-Frutt auf, Mountainbiker sind unterwegs, Pilzsammler durchstreifen die Wälder und Hundehalter drehen ihre Runde. Zur gleichen Zeit sitzen möglicherweise Jäger an einem Waldrand und beobachten seit Stunden ein bestimmtes Gebiet. Darin liegt eine Besonderheit der Hochjagd: Jagd und Freizeit finden teilweise im gleichen Raum statt.
Für beide Seiten bedeutet das, Rücksicht zu nehmen. Wanderer müssen ihren Ausflug wegen der Hochjagd nicht grundsätzlich absagen. Trotzdem ist es sinnvoll, Hinweise und Signalisationen zu beachten und sich bewusst zu sein, dass insbesondere am frühen Morgen Jagdbetrieb stattfinden kann.
Und plötzlich fällt ein Schuss
Für Menschen, die selten mit der Jagd in Berührung kommen, kann ein Schuss im Bergwald irritierend oder sogar beängstigend sein. Ein Schuss bedeutet jedoch nicht, dass irgendwo wahllos geschossen wird. Die Jagd unterliegt gesetzlichen Vorgaben. Auch Jagdzeiten, jagdbare Arten, Schutzbestimmungen und die Durchführung der Jagd werden geregelt. Die Obwaldner Hochjagd ist Teil eines umfassenderen Wildtiermanagements. Dabei geht es unter anderem darum, Wildbestände und Lebensräume aufeinander abzustimmen.
Der Jäger muss deshalb nicht einfach ein Tier entdecken. Er muss erkennen, welches Tier vor ihm steht und ob dieses überhaupt erlegt werden darf. Das verlangt Erfahrung – und manchmal bedeutet die richtige Entscheidung auch, nicht zu schiessen.
Für Hundehalter ist besondere Rücksicht sinnvoll
Wer im September mit seinem Hund in den Bergen unterwegs ist, sollte besonders aufmerksam sein. Ein Hund, der plötzlich einer Wildspur folgt und im Wald verschwindet, kann Wildtiere aufscheuchen. Gerade in Gebieten mit viel Freizeitbetrieb bedeutet jede zusätzliche Störung Energieverlust und Stress für die Tiere. Während der Hochjagd kommt ein weiterer Faktor hinzu: Im gleichen Gelände können Jäger unterwegs sein. Den Hund zuverlässig unter Kontrolle zu halten und die örtlichen Vorschriften einzuhalten, ist deshalb nicht nur während der Jagdzeit sinnvoll.
Es gibt auch Rückzugsräume für Wildtiere
Obwalden verfügt über Wildruhezonen und weitere Schutzinstrumente. Solche Gebiete sollen Wildtieren Rückzugsmöglichkeiten bieten, insbesondere in Zeiten, in denen sie besonders störungsempfindlich sind. Der Kanton weist ausdrücklich darauf hin, dass die geltenden Bestimmungen in Wildruhezonen einzuhalten sind und Verstösse mit einer Busse geahndet werden können. Damit zeigt sich ein Grundkonflikt, der weit über die Jagd hinausgeht: Immer mehr Menschen möchten die Bergwelt nutzen – gleichzeitig benötigen Wildtiere Gebiete, in denen sie möglichst ungestört bleiben.
Die Jagd endet nicht am 24. September
Wenn die Hochjagd am 24. September endet, ist das Obwaldner Jagdjahr noch lange nicht vorbei. Am 5. Oktober beginnen sowohl Reh- als auch Niederjagd. Die Niederjagd dauert bis 30. November. Ab 1. Dezember folgt die Winterjagd, die bis Ende Februar 2027 angesetzt ist. Auch die Wasserwildjagd reicht bis in den Februar. Für Spaziergänger und Wanderer bedeutet das: Jagd ist nicht ausschliesslich ein Thema dieser drei Septemberwochen. Die Hochjagd ist jedoch jene Zeit, in der sie in der öffentlichen Wahrnehmung besonders sichtbar wird.
Zwei Welten – ein Berg
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Geschichte der Obwaldner Hochjagd. Da ist auf der einen Seite der Jäger, der noch im Dunkeln aufsteht, seine Ausrüstung kontrolliert und stundenlang ein Gebiet beobachtet. Auf der anderen Seite steht eine Familie, die bei schönem Herbstwetter eine Wanderung unternimmt. Dazu kommen Biker, Älpler, Forstarbeiter, Pilzsammler und Hundehalter.
Und mittendrin leben Rothirsch, Gämse und andere Wildtiere. Alle bewegen sich in derselben Landschaft – aber mit völlig unterschiedlichen Erwartungen. Der Wanderer sucht Erholung. Der Jäger sucht Wild. Und das Wild sucht vor allem eines: einen Lebensraum, in dem es bestehen kann.
Wenn der Herbst in Obwalden hörbar wird
In wenigen Wochen werden die ersten höheren Gipfel vielleicht bereits weiss sein. Das Laub wird sich verfärben, die Alpzeit geht zu Ende und in den Tälern kehrt langsam der Herbst ein. Bis dahin gehört auch die Hochjagd zur Obwaldner Bergwelt.
Wer in diesen Septembertagen unterwegs ist, braucht deshalb keine Angst vor einem Ausflug in die Natur zu haben. Ein wenig Aufmerksamkeit, Rücksicht und Verständnis für die anderen Menschen im Gelände sind aber angebracht. Und wenn am frühen Morgen irgendwo zwischen Melchtal, Giswil, Lungern oder Engelberg ein Schuss durch die Stille hallt, weiss man: In Obwalden ist Hochjagd.



