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Das geheimnisvolle Mondmilchloch am Pilatus: Wo einst ein Wundermittel aus dem Berg geholt wurde

KI-generiertes Bild

Hoch über Alpnach, an der Südseite des Widderfelds, befindet sich ein Ort, der seit Jahrhunderten Forscher, Ärzte und Abenteurer fasziniert. Sein Eingang liegt versteckt im Pilatusmassiv. Wer nicht weiss, wo er suchen muss, kann leicht daran vorbeigehen.

Urs WederVon Urs Weder · 21. August 2026

Doch hinter der unscheinbaren Öffnung beginnt eine Höhle, deren Geschichte weit über Obwalden hinausreicht.

Das Mondmilchloch.

Hier wurde eine geheimnisvolle weisse Substanz aus dem Berg geholt, die einst als Heilmittel galt. Hier erzählte man sich Geschichten von Drachen und einer eisernen Tür tief im Berg. Und hier wurden sogar Überreste von Höhlenbären gefunden.

Heute gilt das Mondmilchloch als bedeutender Ort der Schweizer Höhlenforschung.

Ein geheimnisvoller weisser Stoff

Der Name der Höhle hängt mit einer aussergewöhnlichen Substanz zusammen, die sich an ihren Wänden findet: der sogenannten Mondmilch.

Sie ist weisslich, weich und feucht und sieht tatsächlich ein wenig wie eine Mischung aus Kreide und Rahm aus.

Was den Menschen früher geheimnisvoll erscheinen musste, lässt sich heute wissenschaftlich erklären. Mondmilch besteht hauptsächlich aus sehr feinen Kalzitkristallen und Wasser. Das Kalziumkarbonat wird durch Vorgänge im kalkhaltigen Gestein abgelagert.

Doch vor mehreren Jahrhunderten wusste das niemand.

Und so begann die Mondmilch vom Pilatus ihren erstaunlichen Weg vom Höhlenbelag zum begehrten Heilmittel.

1555 wird die Höhle berühmt

Eine Schlüsselfigur der Geschichte ist der berühmte Schweizer Naturforscher und Arzt Conrad Gessner.

Bereits 1555 beschrieb er die Mondmilch des Pilatus. Damit beginnt auch ein wichtiges Kapitel der Schweizer Höhlenforschung. Die Stiftung Naturerbe Karst und Höhlen Obwalden bezeichnet das Mondmilchloch als einen der historischen Ausgangspunkte der Höhlenforschung in der Schweiz.

Die weisse Substanz wurde unter dem lateinischen Namen «Lac Lunae» – Mondmilch bekannt.

Und aus dem merkwürdigen Material entwickelte sich etwas, das heute kaum vorstellbar erscheint: ein Arzneimittel.

Mondmilch aus Obwalden wurde zur Medizin

Über Jahrhunderte wurde Mondmilch medizinisch verwendet.

Sie fand Eingang in pharmazeutische Werke und wurde als Heilmittel für unterschiedlichste Beschwerden empfohlen. Die Pilatus-Mondmilch wurde weit über die Region hinaus bekannt.

In alten Überlieferungen wurden ihr beinahe wundersame Wirkungen zugeschrieben. Sie sollte unter anderem bei Wunden, Magenbeschwerden und Blutergüssen helfen.

Natürlich entsprechen solche Vorstellungen nicht der heutigen Medizin.

Doch sie zeigen, welchen Ruf das Material einst besass.

Menschen machten sich auf den beschwerlichen Weg hinauf zum Pilatus, um diese weisse Masse aus einer dunklen Höhle im Berg zu holen.

Das Mondmilchloch war damit vor Jahrhunderten etwas, das wir heute vielleicht als eine Mischung aus Apotheke, Naturwunder und geheimnisvollem Wallfahrtsort bezeichnen würden.

Eine Höhle voller Geschichten

Wie bei vielen geheimnisvollen Orten am Pilatus dauerte es nicht lange, bis sich Sagen um die Höhle rankten.

Der Pilatus galt über Jahrhunderte als unheimlicher Berg. Drachen, Geister und übernatürliche Erscheinungen gehörten zu seinen Geschichten.

Auch das Mondmilchloch wurde Teil dieser Sagenwelt.

In der grossen Eingangshalle sollen nach alten Erzählungen Drachen gehaust haben.

Andere Geschichten erzählten von einer eisernen Tür tief im Inneren des Berges. Hinter ihr sollte ein Lichtschimmer sichtbar sein. Angeblich konnte man sogar Kuhglocken von der anderen Seite des Berges hören.

Für Menschen, die vor Jahrhunderten mit einfachen Lampen in eine solche Höhle eindrangen, muss dieser Ort tatsächlich wie der Eingang in eine andere Welt gewirkt haben.

Dann tauchen echte Knochen auf

Das Faszinierende ist: Zwischen all den Legenden finden sich im Mondmilchloch auch Spuren einer ganz realen Vergangenheit.

Im Höhlensediment wurden Zähne beziehungsweise Knochenreste eines Höhlenbären gefunden.

Der Höhlenbär – Ursus spelaeus – starb gegen Ende der letzten Eiszeit aus.

Damit wird aus der sagenhaften Vorstellung von grossen Wesen im Berg plötzlich eine reale naturgeschichtliche Verbindung: Lange bevor Menschen das Mondmilchloch erforschten, lebten tatsächlich mächtige Tiere in der Alpenregion.

Die Funde belegen zudem, dass die Höhle bereits seit dem Ende der letzten Eiszeit existiert.

Was befindet sich im Mondmilchloch?

Von aussen lässt sich kaum erahnen, was hinter dem Eingang liegt.

Zunächst öffnet sich eine grosse, hallenartige Eingangspartie. Danach wird die Höhle enger. Ein permanentes Bächlein fliesst aus dem Inneren nach draussen.

Weiter hinten folgen schmale Passagen und Wasserfälle.

Die Höhle verläuft entlang einer geologischen Bruchzone im Schrattenkalk. Wasser dringt durch Klüfte in den Kalkstein ein und hat über enorme Zeiträume den unterirdischen Hohlraum mitgeformt.

Je weiter man hineinkommt, desto weniger erinnert die Umgebung an die offene Berglandschaft draussen.

Fels. Wasser. Dunkelheit.

Und an manchen Stellen nur sehr wenig Platz.

Eine Passage heisst «Mausefalle»

Eine Stelle trägt einen Namen, der ziemlich deutlich macht, dass das Mondmilchloch keine gewöhnliche Besucherhöhle ist.

Die Mausefalle.

Diese Engstelle wird mit einem Querschnitt von teilweise nur rund 20 Zentimetern beschrieben.

Dazu kommen Wasserfälle und niedrige Passagen, die teilweise nur auf allen vieren überwunden werden können.

Das Mondmilchloch ist deshalb keine touristisch ausgebaute Schauhöhle mit Beleuchtung und bequemen Wegen.

Wer tiefer hineingeht, befindet sich in einer natürlichen Höhle.

Selbst heute gibt das Mondmilchloch neue Geheimnisse preis

Und genau hier wird die Geschichte überraschend aktuell.

Denn obwohl die Höhle seit Jahrhunderten bekannt ist, wird dort noch heute geforscht.

2025 untersuchten Fachleute der NeKO-Stiftung das Höhlengewässer erneut auf Tiere, die an ein Leben in völliger Dunkelheit angepasst sind.

Dabei fanden sie unter anderem einen Höhlenflohkrebs sowie äusserst seltene Höhlenplanarien und Höhlenwasserasseln.

Winzige Lebewesen, die weitgehend verborgen vor unserer Welt in den Gewässern des Berges existieren.

Mehr als 470 Jahre nach Gessners Beschreibung gibt es im Mondmilchloch also immer noch Neues zu entdecken.

Ein Stück Wissenschaftsgeschichte über Alpnach

Auch für die Geschichte der Höhlenforschung ist der Ort aussergewöhnlich.

Vom Mondmilchloch stammen einige der ältesten Höhlenpläne der Schweiz. Bereits im 19. Jahrhundert wurde versucht, die unterirdischen Gänge systematisch zu vermessen und darzustellen.

1894 erstellte Ferdinand Schär für die SAC-Sektion Pilatus einen bemerkenswert detaillierten Höhlenplan und verband ihn mit einem geologischen Schnitt durch das Widderfeld.

Was einst ein sagenumwobenes Loch im Berg war, wurde Stück für Stück zu einem wissenschaftlich untersuchten Naturarchiv.

Und draussen geht das normale Leben weiter

Vielleicht ist genau dieser Gegensatz das Faszinierendste am Mondmilchloch.

Unten im Tal liegt Alpnach. Menschen fahren zur Arbeit, Züge verkehren, Autos rollen über die Strassen.

Rund 1700 Meter über Meer liegt währenddessen im Berg eine Höhle, die Menschen seit mindestens einem halben Jahrtausend beschäftigt.

Einst glaubte man an die Heilkraft ihrer Mondmilch.

Man erzählte von Drachen und geheimnisvollen Türen.

Forscher zeichneten einige der ersten Höhlenpläne der Schweiz.

Man fand Spuren längst ausgestorbener Höhlenbären.

Und heute suchen Wissenschaftler in demselben unterirdischen Bach nach winzigen Lebewesen, die sich an ein Leben in ewiger Dunkelheit angepasst haben.

Das Mondmilchloch ist keine gewaltige Höhlenwelt wie jene unter der Melchsee-Frutt.

Aber kaum eine Höhle in Obwalden verbindet Natur, Wissenschaft, Medizin und jahrhundertealte Sagen auf so faszinierende Weise.

Und das alles liegt versteckt im Pilatus – direkt über Alpnach im Kanton Obwalden.

Urs Weder
Geschrieben von

Urs Weder

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