Unterwalden wird älter: Wer pflegt uns morgen?

Fast 20'000 Menschen in Obwalden und Nidwalden sind mindestens 65 Jahre alt. Ihre Zahl wächst deutlich schneller als die Gesamtbevölkerung. In den kommenden Jahrzehnten verändert das beide Kantone grundlegend – mit Folgen für die Pflege, die Angehörigen und die öffentlichen Finanzen.
Die Veränderung kommt leise. Sie zeigt sich in der Nachbarschaft, wenn eine vertraute Person Unterstützung im Alltag braucht. In einer Familie, die Betreuung organisiert. Oder bei der Suche nach einem geeigneten Pflegeplatz.
Zahlen zur Entwicklung
Hinter diesen persönlichen Geschichten steht eine Entwicklung, die ganz Unterwalden erfasst: Ende 2025 lebten in beiden Kantonen zusammen 19'712 Menschen ab 65 Jahren. Zehn Jahre zuvor waren es 14'540 gewesen. Innerhalb eines Jahrzehnts ist diese Bevölkerungsgruppe damit um mehr als 5'000 Menschen gewachsen.
Nidwalden: Fast jeder vierte Einwohner ist mindestens 65
Besonders sichtbar ist die Entwicklung in Nidwalden. Dort waren Ende 2025 insgesamt 10'857 Menschen mindestens 65 Jahre alt. Das entspricht 23,8 Prozent der Bevölkerung – beinahe jeder vierten Person. 2'975 Einwohnerinnen und Einwohner hatten bereits ihren 80. Geburtstag erreicht. Zum Vergleich: Schweizweit lag der Anteil der Bevölkerung ab 65 bei rund 19,8 Prozent. Nidwalden ist damit deutlich stärker von der Alterung geprägt als die Schweiz insgesamt.
Nach dem Referenzszenario des Bundesamts für Statistik steigt die Zahl der Nidwaldnerinnen und Nidwaldner ab 65 bis 2055 auf rund 14'000. Ihr Anteil erreicht ungefähr 31 Prozent. Gleichzeitig dürfte die Bevölkerung zwischen 20 und 64 Jahren schrumpfen. Auf 100 Menschen in dieser Altersgruppe kämen dann rund 59 Personen ab 65. Das Verhältnis zwischen den Generationen verschiebt sich damit spürbar.
Obwalden: Die Alterung nimmt weiter Fahrt auf
Auch Obwalden steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Ende 2025 lebten dort 8'855 Menschen ab 65 Jahren, entsprechend 22,2 Prozent der Bevölkerung. 2'373 Personen waren mindestens 80 Jahre alt. Noch 2015 hatte Obwalden erst 6'486 Einwohnerinnen und Einwohner ab 65 gezählt.
Die kantonale Aufgaben- und Finanzplanung macht deutlich, wohin die Entwicklung führen könnte: Für 2040 rechnet sie mit 12'074 Menschen ab 65, für 2055 mit 12'853. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Personen zwischen 20 und 64 Jahren gemäss dem zugrunde liegenden Szenario von rund 23'400 im Jahr 2024 auf rund 21'300 im Jahr 2055.
Damit dürfte auch in Obwalden 2055 annähernd jede dritte Person mindestens 65 Jahre alt sein. Auf 100 Menschen zwischen 20 und 64 Jahren kämen rund 60 ältere Personen. Diese Berechnungen sind Zukunftsszenarien unter bestimmten Annahmen, keine sicheren Vorhersagen. Sie zeigen jedoch, auf welche Grössenordnung sich die Planung einstellen muss.
Ein Pflegebett braucht Menschen, die sich kümmern
Was bedeutet diese Entwicklung im Alltag? Zunächst sagt ein Geburtstag wenig über den Unterstützungsbedarf aus. Viele Menschen bleiben weit über das Pensionsalter hinaus selbstständig. Entscheidend für die Pflegeplanung sind deshalb neben der Bevölkerungszahl auch der Gesundheitszustand und die Frage, welche Unterstützung zu Hause verfügbar ist. Genau diese Faktoren berücksichtigt das Schweizerische Gesundheitsobservatorium in seiner Bedarfsplanung für Nidwalden.
Dass die Versorgung bereits heute mehr leisten muss, zeigen die jüngsten Nidwaldner Zahlen: Spitexorganisationen und selbstständig tätige Pflegefachpersonen erbrachten 2025 insgesamt 87'315 Pflegestunden. Im Vorjahr waren es 72'117 gewesen – ein Anstieg um rund 21 Prozent. Diese Leistungen betreffen verschiedene Altersgruppen und lassen sich nicht vollständig der Alterung zuschreiben. Sie verdeutlichen aber, wie stark der ambulante Bereich gefordert ist.
Für die Zukunft geht es deshalb um mehr als zusätzliche Zimmer in einem Pflegeheim. Es braucht Fachpersonen, funktionierende Betreuungsangebote und Unterstützung für Angehörige. Wer länger zu Hause lebt, benötigt bei zunehmendem Hilfebedarf eine verlässliche Versorgung auch ausserhalb der Heimmauern.
Die Rechnung trifft Kantone und Gemeinden unterschiedlich
Die finanziellen Grössenordnungen sind beträchtlich. Der Nidwaldner Budgetbericht für 2026 setzt rund 13,3 Millionen Franken für stationäre und 3 Millionen Franken für ambulante Pflegeleistungen an. Hinzu kommen 1,4 Millionen Franken für gemeinwirtschaftliche Leistungen der Spitex. Diese Positionen betreffen Pflegeleistungen verschiedener Altersgruppen und bilden keine Gesamtrechnung für Pensionierte.
In Obwalden tragen dagegen die Einwohnergemeinden die Pflegerestkosten. Ein fairer Vergleich beider Kantone muss deshalb auch die kommunalen Rechnungen berücksichtigen. Allein der Blick auf die Kantonsfinanzen würde einen wichtigen Teil der Belastung ausblenden.
Auch die AHV gehört in einen eigenen Zusammenhang: Sie wird schweizweit hauptsächlich über Beiträge der Versicherten und Arbeitgeber sowie Bundesmittel und weitere Einnahmen finanziert. Die Zahl der älteren Einwohner lässt sich deshalb nicht einfach in eine lokale Rentenrechnung umrechnen.
Die Zukunft beginnt lange vor dem Pflegeheim
Zur Geschichte einer älter werdenden Bevölkerung gehört aber auch das Leben vor einer möglichen Pflegebedürftigkeit. Menschen im Ruhestand unterstützen Familien, engagieren sich in Vereinen und bleiben Teil des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens. Eine Altersstrategie muss deshalb ebenso fragen, wie Selbstständigkeit, Begegnung und Teilhabe möglichst lange erhalten bleiben.
Für Unterwalden liegt darin eine grosse Aufgabe. Nidwalden hat bereits heute den höheren Seniorenanteil. Obwalden erwartet in den kommenden Jahrzehnten ebenfalls einen starken Zuwachs. Beide Kantone müssen ihre Versorgung auf eine Bevölkerung ausrichten, in der ältere Menschen deutlich mehr Gewicht erhalten.
Wie gut das gelingt, entscheidet sich an konkreten Fragen: Ist Unterstützung erreichbar, wenn sie gebraucht wird? Finden Angehörige Entlastung? Stehen genügend Fachpersonen zur Verfügung? Die demografische Entwicklung macht diese Fragen dringlicher. Und sie betreffen letztlich alle Generationen – denn die Versorgung von morgen wird heute vorbereitet.
Quellen: Bundesamt für Statistik: Bevölkerungsstatistik STATPOP, 2010–2025; BFS: Bevölkerungsszenarien 2025–2055 für Obwalden und Nidwalden; Kanton Obwalden: Aufgaben- und Finanzplanung 2026–2031; Kanton Nidwalden: Rechenschaftsbericht 2025; Kanton Nidwalden: Budgetbericht 2026; Regionaler Sozialdienst Obwalden: Pflegefinanzierung; Bundesamt für Sozialversicherungen: Finanzierung der AHV.


